Mathildenpassage, 1990Es ist ruhig geworden um die einst so umstrittenen Hamburger Terrassenhäuser. Mitte der 1980er Jahre schlugen die Wogen hoch im Streit um „Hofentkernung“ oder Erhalt von Wohnraum und Kulturgut. Worum ging es? Wie ist die Situation heute und was sind eigentlich „Terrassen“ oder „Passagen“? Unser Spaziergang zu den versteckten Orten des ehemaligen Arbeiterwohnviertels St. Pauli-Nord wird Klarheit bringen! Fest steht: „Terrassen“ haben nichts mit Sonnenschirm, Liegestuhl und Reihenhaus zu tun. Und unsere „Passagen“ sind nicht zu verwechseln mit den Kommerz-Röhren der innerstädtischen Shopping-Meilen.

    „Der Wohnhof, in neuerer Zeit vielfach ‚Terrasse‘ genannt, obwohl diese, den englischen Verhältnissen entnommene Bezeichnung keineswegs zutreffend ist, besteht aus einer Anzahl von Hinterhäusern, welche reihenweise neben oder hinter einander auf einem Hofplatze erbaut sind, der von der Straße durch einen Eingang neben dem Vorderhause, oder durch einen Thorweg in demselben zugänglich ist.“    

So eine zeitgenössische Definition von 1890 („Hamburg und seine Bauten“), die den Unterschied zu den ineinandergeschachtelten Hofsystemen beispielsweise in Berlin verdeutlicht. Gleich zu Beginn unseres Spaziergangs, in der Wohlwillstraße, wird dieser Unterschied augenfällig. Doch wie kam es zu dieser Hamburgtypischen Bauform des Arbeitermietshauses?

Nachdem die Enge der alten Kernstadt im 18. und 19. Jahrhundert zu katastrophaler Wohnungsnot und Wohnungselend vor allem der unteren Schichten geführt hatte und eine weitere Verdichtung nicht mehr möglich war, entstanden in den Stadterweiterungsgebieten rund um die alte Kernstadt die Terrassenneubauten. Sie stehen somit in direkter „Erbfolge“ der Alt-Hamburger Gängeviertel. Und ihnen drohte rund hundert Jahre nach ihrer Erbauung auch das gleiche Sanierungsschicksal. Ab den 1970er Jahren galten sie als „städtebauliche Charakterschwäche“ und das Zauberwort hieß „Hofentkernung“. Auch das Terrassenquartier in St. Pauli-Nord wurde mehrfach „ausgedünnt“ und die Abrissbirnen hätten ganze Arbeit geleistet, wenn ihnen nicht Anfang der 1980er Jahre beherzte Menschen aus Häusergruppen, Denkmalschutzamt und Stadtteilinitiativen den Kampf angesagt hätten.

Beckers Passage, 2010Dank dieses Widerstandes können wir auf unserem Spaziergang nicht nur einen Querschnitt der Terrassenarchitektur in all ihren Facetten zeigen, sondern auch ein vorindustrielles Mietshaus sowie eine Budenreihe. Natürlich wird auch die Jägerpassage auf unserer Route liegen. Sie gilt nicht nur als Hamburgs ältester erhaltener Sozialwohnungsbau, sie nahm im politischen Kampf um den Erhalt der Terrassenhäuser in den 1980er Jahre eine wichtige Rolle ein. Zusammen mit den per Bauförderungsgesetz errichteten, später genossenschaftlichen Wohlwillterrassen bildet die Wohlwillstraße ein sozialgeschichtlich wichtiges Zeugnis bürgerlicher Arbeiterfürsorge.

Und heute? Ist Ruhe eingekehrt in der Hinterhauslandschaft? Mitnichten. Wir zeigen auch die Bausünden, die nach dem Abbruch von zu lange vernachlässigten Terrassenflügen entstanden. Erzählen vom neuerlichen Kampf gegen Abriss und dem Déjà-vu vieler, die bereits 20 Jahre zuvor für den Erhalt dieser Häuser kämpften und stehen staunend vor zu gut gemeinter energetischer Sanierung und der einst kollektiv genutzten Freifläche in einem Hof, die inzwischen parzelliert vermietet werden… Aber wir entdecken auch die versteckte Romantik in den Höfen und Passagen und freuen uns an diesen Wohn-, Lebens- und Spielräumen.

Hinweis: Dieser Rundgang entstand in Zusammenarbeit mit dem St. Pauli-Archiv e.V., deren Aktivisten den Kampf um den Erhalt der Terrassen auf St. Pauli von Anfang an begleiteten.

 

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Veranstaltung-Nr.: 2002